Die technischen Ären der Formel 1, Teil 4/4
Die Formel-1-Saison 2026 steht vor der Tür und es wird viel darüber gesprochen, dass es der Beginn einer neuen technischen Ära sein wird. Es ist nicht das erste Mal, dass das Regelwerk geändert wird und auch nicht das erste Mal, dass von einer neuen Ära gesprochen wird. Aber ist es bloß ein kleiner Bruch oder beginnt eine neue Epoche der Formel-1-Geschichtsschreibung?
Der beste Weg um das heraus zu finden, ist es, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Dabei lassen sich neben dem, was später als Ära bezeichnet wird, auch längere Phasen, regelrechte Epochen, ausmachen. Aber der Reihe nach:
Die Moderne. Formel 1 mit Vorlage (seit 2014)
Der Schritt hin zur neuen Ära 2009 war groß gewesen, keine Frage. Vielleicht hat er auch die Formel 1 gerettet. Aber in vielerlei Hinsicht war die KERS-Ära auch noch dem Alten verhaftet. Und zu Beginn der 2010er-Jahre wirkte die Formel 1 mit ihren stinkigen Verbrennungsmotoren aus der Zeit gefallen. Der Sport sollte umweltbewusster werden.
Der Antrieb der Zukunft war elektrisch. Aber noch konnten Elektromotoren nicht mit Verbrennern mithalten. Die ebenfalls 2014 startende Formel E unterstrich das nur. Das Wort der Stunde in der Formel 1 hieß deswegen „Hybrid“.
Die Formel 1 begann deswegen ihre vierzehnte Ära mit einer neuen Motorenformel. Künftig sollten die Autos mit turbogeladenen 1,6-Liter-V6-Hybridmotoren ausgestattet sein.
Der Hybridanteil, das sogenannte MGU-H-System, sorgte dafür, dass das Turboloch beseitigt wurde. Außerdem wurde in den Motor das KERS fest integriert. Es bekam den Namen MGU-K und war nicht mehr vom Fahrer selbst auszulösen.
Die Formel 1 erhielt also eine viel stärkere elektrische Seite. Das war aber nicht der einzige Ansatz um die Formel 1 umweltbewusster zu machen. Die Motoren sollten außerdem für noch mehr Rennen halten.
Aber nicht nur das Innere der neuen Formel 1 war neu. Die FIA hatte auch an den Aerodynamik-Vorgaben einige Veränderungen vorgenommen. Um die Fans auf die neue Ära einzustimmen veröffentlichte die FIA im Vorfeld eigene Visualisierungen, wie die Formel-1-Autos des Jahres 2014 aussehen könnten.
Eine Sache, bei der die FIA vollkommen falsch in ihren Visualisierungen im Vorfeld lag, waren die Fahrzeugnasen. Die Auslegung des Regelwerk-Textes der Teams unterschied sich stark von der Idee der FIA: Einige Autos hatten kleine „Rüssel“ an den Nasenspitzen erhalten. Viele Fans empfanden dies als sehr hässlich. Und die FIA erhielt Spott für die Fehleinschätzung.
Zum Saisonwechsel zur Saison 2017 übernahm Liberty Media die Marketing-Rechte. Nicht kausal damit verbunden, aber zeitgleich änderte sich das Fahrzeugaussehen drastisch. Auf offizielle Visualisierungen im Vorhinein wurde dieses Mal verzichtet, aber es war klar, dass eine neue Ära anbrach.
Die Regeländerung zur maximale Fahrzeugbreite von 1998 wurde rückgängig gemacht. In der Zukunft waren die Formel-1-Boliden wieder 2 m breit.
Gleichzeitig wurden die Reifenbreite, die Flügelgröße und das Mindestgewicht der Fahrzeuge erhöht. Die Zeit der breiten Turbo-Hybride begann.
Es wurden weiterhin V6-Motoren verwendet, diese mussten jedoch noch länger halten, da mittlerweile nur noch drei Motoren pro Jahr erlaubt waren.
Lücken in den Regeln führten dazu, dass kurzzeitig „Haifischflossen“ und T-Flügel aufkamen, diese Lücken wurden jedoch 2018 schnell wieder geschlossen. Was blieb, waren immer größer werdende Bargeboards. Aerodynamik spielte also wieder eine größere Rolle.
Der vielleicht markanteste optische Wechsel, auf den sich die Formel-1-Fans einstellen mussten, betraf den Cockpit-Schutz „Halo“. Der Kopf der Fahrer sollte nicht mehr frei aus dem Fahrzeug herausragen, damit Unglücke wie der tödliche Unfall von Jules Bianchi 2014 in Japan vermieden werden konnten.
2019 wuchsen die breiten Autos noch einmal, wenn auch nicht in der Breite. Einerseits wurden die Flügel vereinfacht und verbreitert, andererseits wurde die maximale Kraftstoffkapazität erhöht. Das Minimalgewicht wurde ein weiteres Mal erhöht.
Nachdem die eine Rücknahme alter Restriktionen recht gut geklappt hatte, sollte für die nächste Ära das die nächste angegangen werden. Die sechzehnte Ära sollte das Thema Ground Effect wieder beleben. Der Beginn der Ära war auf 2021 geplant, verzögerte sich wegen der Covid-Pandemie jedoch erst einmal. Das Einzige, was 2021 eingeführt wurde, war eine, seit über einem Jahrzehnt diskutierte, Budgetobergrenze. Oh. Und ein von FIA und Liberty Media gebautes Chassis, das dem neuen Regelwerk entsprechen sollte. Man ging also sogar einen Schritt weiter als bei den Visualisierungen von 2014.
Im Jahr 2022 wurde die seit 1983 verbotene Arbeit am Unterboden wieder erlaubt. Dieser sollte jetzt bei der Aerodynamik mithelfen. Ziel war es, die sichtbare Aerodynamik auf der Oberseite damit vereinfachen zu können. Die stärkeren Einschränkungen hier sorgten dafür, dass der Konzeptwagen näher an dem lag, was die Teams tatsächlich bauten.
Die Öffnung der Arbeit am Unterboden sorgte dafür, dass die Autos der nächsten Ära wieder den Ground-Effect verspürten.
Aerodynamische Elemente am Unterboden hatten jedoch ein Problem: Sobald der Luftstrom riss, verloren sie ihre Funktion und der Anpressdruck ist schlagartig weg. 2022 kam es bei vielen Teams dazu, dass sich die Fahrzeuge auf Geraden immer wieder auf und ab bewegten, weil der Luftstrom immer wieder riss und sich wieder aufbaute. Das wurde als Porpoising-Effekt beschrieben und erforderte eine Regelanpassung 2023.
2025 folgte einige weitere kleinere Änderungen am Regelwerk. Unter anderem wurde ein Kühlsystem für die Fahrer eingeführt und das DRS angepasst.
Die DRS-Änderungen werden für 2026 nicht relevant sein, da es kein DRS mehr geben wird. Stattdessen wird es ein anderes Push-To-Pass-System geben. Das ist jedoch nicht die einzige Änderung. Die Aerodynamik wird überarbeitet und die aktive Aerodynamik kehrt zurück. Der Plan ist, die Autos wendiger zu machen. Die Teams werden versuchen, dies zu umgehen.
FIA und Liberty Media haben wieder Visualisierungen veröffentlicht. Es beginnt also mal wieder eine neue Ära der Formel 1. Wird es auch eine neue Epoche werden?
Wenn man sich die Formel 1 der Moderne ansieht fällt ein Unterschied zu den vorherigen Epochen klar ins Auge: Die Wechsel der Ären sind weniger durch Verbote geprägt, sondern durch Veränderung der Vorgaben. Natürlich versuchen die Hersteller weiterhin im Rahmen der Regeln das beste Auto zu bauen und ihren Konkurrenten zuvorzukommen, aber die Regelhüter der FIA sind zu den Akteuren geworden, die die großen Umschwünge herbeiführen.
Wird sich das mit der neuen Ära ändern? Sehen wir den Beginn einer neuen Epoche? Es ändert sich vieles mit der neuen Saison. Mal sehen was diese Ära im Rückblick wirklich ausmachen wird.
Ären der vierten Epoche:
2014–2016 Turbo-Hybride
2017–2021 Breite Turbo-Hybride
2022–2025 Ground Effect 2.0
2026–?